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Aktuelles aus der Gemeinde

Gute Worte

Pfarrerin Sigrid Jahr schreibt:

JPG.jpg 19.05.2020

Es ist die Zeit der schönen Filmchen, Andachten, Geschichten und Gedichte. Ich bin ein großer Fan von Christina-Maria Bammel (Unserer Pröpstin), die zum Glück immer wieder in der Kirchenzeitung schreibt. Zum Beispiel über den maskierten Gott, der den Sinn nicht zu erkennen gibt, wenn jetzt so vieles auf Irrwegen läuft: „Lockere deine Maske, Gott, dass wir dein Angesicht erkennen können und vor Freude über deine Hilfe in die Knie gehen. Gib uns etwas Neues zu schauen, das unsere Bildschirm-getrübten Augen wieder neu sehen lernen. Schaff´ein paar neue Hoffnungsklänge, wenn auch noch nicht zum Mitsingen, dann vielleicht zum Mitwippen und Summen in Krankenhäusern, Kitas, Kirchen. Nimm am besten uns dafür in Gebrauch. Das sei unser Gebet“ (die Kirche, 20, Rogate).

 

Und dann kam noch ein Gebet mitten auf meinen Bildschirm:

 

Abendgebet (von Holger Pyka)

 

Hier hast du den Tag zurück, Gott                                              

Eigentlich wollte ich ihn dir ordentlich wiedergeben, vielleicht sogar nochmal durchwaschen, einmal aufbügeln
und schön zusammenlegen                                                        Hat aber irgendwie nicht geklappt.                      

Hier hast du den Tag zurück, Gott.                                                 

So, wie er ist. Mit Falten und Knicken und Rissen und Flecken.                      Kann sein, dass da noch Sachen in den Taschen und Ritzen sind: Tempotuchfusseln und ein 2-Cent-Stück.                              

Ein Zettel mit einer Nummer drauf, die ich nicht angerufen habe, ein Hustenbonbon und zerknittertes Vertrauen, ein zusammengefalteter Traum

und ein Kieselstein.                                              Was du findest, kannst du behalten.

Hier hast du den Tag zurück, Gott.                                 

Du müsstest mir aber raushelfen. Vielleicht kannst du mal anpacken                     und ziehen und         aufschnüren und entwirren.                                                 

Und wenn es sein muss schneiden, da wo ein Knoten nicht aufgeht.                       Ich brauche ihn ja nicht wieder, den Tag.

Ablegen und Loswerden.

Guck mich freundlich an in diesen paar Minuten, wenn ich aus dem Tag rausgeschlüpft und in die Nacht noch nicht reingekrochen bin.

 

Hier hast du den Tag zurück, Gott.

Er gehört dir. Und ich auch. Amen

Und die Zeit, die wir uns gar nicht ausgesucht hatten.

Und die trotzdem deine Zeit ist, Gott.

 

Bleiben Sie behütet!

Ihre Pfarrerin Sigrid Jahr

 

16.05.2020

Noch 5 Tage Osterzeit. Wer denkt denn schon noch daran…die Ostereier hängen noch absichtlich am Strauch vor dem Fenster, aber das weiß keiner, ist fast schon ein Ostergeheimnis, wie damals beim ersten Mal der Auferstehung.
Aber die Botschaft brauchen wir noch immer: das Leben geht weiter, auch jenseits der Todeszone. Es wird wie immer: es wird Streitigkeiten geben über die Ausdeutung der Welt. Beste Interessen, die nicht vermittelbar sind. Das Geld, die Familie, das Elend des Vergleichs, Hoffnung und Enttäuschung. Das Leben eben.
Es wird aber auch ein Himmelfahrtsfest geben, was zugegebener Maßen über den Vatertag (Jesu Vater) zum Männertag verkommen ist. Aber eigentlich der Triumpf über alle Übelreder und Zweifler war. Die Bestätigung der Gottherrlichkeit Jesu und der Wahrhaftigkeit seines menschlichen Weges. Nichts weniger.
Die Jünger mögen etwas verlassen herumgestanden haben, als er noch einmal aus ihrer Mitte genommen wurde. Sie haben das vielleicht erst später verstanden, was das für sie und ihre Botschaft heißt. Sie haben es verglichen mit Henoch und Elia, die in den Himmel entrückt wurden. Aber die waren nicht zuvor tot gewesen. Die hatten das Menschliche verlassen, ohne sich der Bitterkeit des Endes auszusetzen.
Da standen sie und der Himmel war leer.
Sie mussten sich in der Ratlosigkeit behausen.
Das Alte hat Platz gemacht für das Neue. Aber das Neue ist nicht gekommen.
Wir sind ungewisse Zukunftsräume wenig gewohnt. Wir vermeiden sie, so gut es geht. Jeder soll selbstverantwortlich sein, das kommt erschwerend dazu. Wir wissen nicht, wie wir mit dem Mangel an Gestaltungsmöglichkeiten umgehen sollen. Wir haben es nicht geübt.
Was tun die Jünger?
Lieber Theophilus (lieber Gottesfreund) fängt unsere Apostelgeschichte an, erinnere dich mal: Jesus hat doch von dem Heiligen Geist gesprochen und er hat doch eindeutig gesagt, dass sie ihren Ort nicht verlassen sollen, bis es weitergeht mit den Anweisungen für die Zeugen Jesu Christi. Naja und dann kommen noch ein paar Engel und sagen Bescheid, dass das Starren in den leeren Himmel jetzt auch nicht hilft. Und sie waren beisammen im Gebet und haben zunächst das Naheliegende getan, nämlich einen Apostel als Ersatz für Judas gewählt oder vielmehr gelost. Und sich natürlich gegenseitig erinnert an all das Wunderbare, was sie erlebt hatten und was schon vorher in der Schrift zu lesen war. An Gott und seine Versprechen.
Und gesungen haben sie, so stelle ich es mir vor.
Mach in mir deinem Geiste Raum (Eg 503, 14 von Paul Gerhardt)

Man muss ja nicht so tun, als wäre das einfach.
Aber manchmal ist es gut zu wissen, dass andere das auch schon erlebt haben. Und dass es manchmal, MANCHMAL gelingt, dass ein Geschenk in dieser Zeit liegt.

Ein Heiliger Geist, der in uns wachsen will, bis sein Leuchten uns erfüllt.
Und fröhlich macht. Bis wir anderen davon abgeben können. Von dieser Freude.
Ob das gelingt? Noch 15 Tage bis Pfingsten.

Bleiben Sie behütet,
Ihre Pfarrerin Sigrid Jahr

 

11.05.2020

Manchmal begleitet mich ein Lied durch die Zeit, sieht mir über die Schulter und singt ganz leise in mein Ohr. Es ist in einer Atempause während eines Gespräches, oder hüpft mir auf einem Waldweg voran. Morgens löst es die Amseln ab oder summt mich in den Schlaf.

Gerade jetzt ist es das Lied vom einfachen Leben:

Selig seid ihr, wenn ihr einfach lebt, selig seid ihr, wenn ihr Lasten tragt.
Selig seid ihr, wenn ihr lieben lernt, selig seid ihr, wenn ihr Güte wagt.
Selig seid ihr, wenn ihr Leiden merkt, selig seid ihr, wenn ihr ehrlich bleibt.
Selig seid ihr, wenn ihr Frieden macht, selig seid ihr, wenn ihr Unrecht spürt.

(Text: Friedrich Karl Barth und Peter Horst 1979, Musik: Peter Jansen

Natürlich erinnert das Lied an die Seligpreisungen im Matthäusevangelium, da geht es um nichts weniger als die Gerechtigkeit und den großen Trost der Welt. Viel schöner, aber eben auch ein bisschen weit weg von meinem Leben. Mein Lied dagegen scheint mir die Zeit gut zu spiegeln. Das einfache Leben ist uns ja aufgegeben im Fasten der Eventkultur. Statt der Kinderbespaßung zählen wir jetzt Käfer im Wald, statt Kino Videokonferenzen mit der Familie. Vielleicht nicht für Jahre, aber momentan ist das sehr schön.

Könnten wir einfach leben?
In allen Betonungen, die dieses kleine Sätzchen zulässt?
Würden wir etwas verpassen? Etwas vermissen?
Also mal abgesehen von den Begegnungen, die uns wahrscheinlich allen schrecklich fehlen.

Selig kommt von gütig oder gnädig stimmen, verwandt mit dem Glück, was wiederum von gelucke kommt, dem festsetzen oder bestimmen (Kluge: Etymologisches Wörterbuch, immer wieder schön zu lesen).
Sollten wir also unsere Seligkeit selbst bestimmen können? Eine Sache der Einstellung? Des Verhaltens? Der inneren Balance zwischen Erwartung und Erleben?

Wenn Jesus etwas von der Seligkeit predigt, dann gilt es, die Maßstäbe zu überprüfen.
Den Sanftmütigen gehört das Erdreich und das Himmelreich denen, die einfach (im Vertrauen) leben. Da haben wir es wieder.

Was brauchen wir, was brauchen Sie für ein gutes (ein seliges) Leben?
Wie sieht Ihre Prioritätenliste aus? An welcher Stelle steht der Gottessegen?

Jesus sagt:
Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch das alles zufallen. Sorgt euch nicht um morgen, denn der morgige Tag wird für das Seine sorgen.
(Mt 6, 33-34).

Keine leichte Übung. Vielleicht hilft ein Lied.

Bleiben Sie behütet!
Ihre Pfarrerin Sigrid Jahr

 

05.05.2020

Die Einsamkeit ist die Schwester des Gruselgrübels. Je länger je mehr sind apokaplyptische Phantasien und Verschwörungstherorien unterwegs. Sie flüstern von Destruktionen der Gesellschaft, der Kirche, der „Systeme“. Der Untergang der Kontaktmöglichkeit wird nach außen gespiegelt. Was sehe ich?
Wenn alles wahr wäre, wenn sich alles zerstört und wir über den Abgrund hinaussehen, wenn wir die Nichtigkeit denken und als (weniger?) Schlimmstes den Tod…
Was ist da? Was genau sehen wir?

Oder wen?

Ich meine, dass das nicht nur eine Frage von Befindlichkeiten ist, sondern auch von Glaubenstreue. Vielleicht sind wir tatsächlich in einer Zeit, die ein Bekenntnis von uns fordert. Ein entschlossenes Verweigern der Untergangsrede. Ein Eskalationsfasten. Eine Gedankendisziplin gegen existentielle Deutungsmuster, die das Nichtige zum Ziel erklären möchten.

Weil die herbeigeredeten Schreckensbilder Gott zu wenig zutrauen.

Vielleicht wird nicht alles einfach gut in unserem Sinn. Vielleicht müssen wir umdenken, alles möglich. Aber Gott hält den Weltenlauf immer noch in seiner Hand. Und wenn er es so bestimmt auch das Ende und die Neuschöpfung. Gegen die Verstörung der Dunkelzeit setzt er seine Anwesenheit. Und darauf gilt es sich auszurichten.

Die Gedanken sollen zurückgerufen werden.
Kommt aus den Netzen und Höhlen, den Fallen und Mustern, Dem Sorgental, dem Angstland.
Kommt weg vom Tisch der Grübler, Spötter und falschen Propheten. Achtet nicht auf die Sensationsschreier und Zweifler.
Gott kommt in der Wolkensäule. Im verschwebenden Schweigen, ins Zelt des Bundes, auf den Weg deines Lebens, in das Wort, was dir schon längst geschenkt ist.

Was siehst du? Oder wen?

Es ist die Zeit der Ikonen. Sie sind auf goldenem Grund gemalt. Sie sehen dich nie an. Aber sie sind gewiss. Je länger wir sie ansehen, desto mehr werden sie zum Spiegel und prägen sich ins Herz. Dasein vor Gott. Nicht mehr.

Meine liebste ist die von einer Frau mit einer Spindel. Ein Engel steht an ihrer Seite und eine Zuschauerin lugt hinter einem Vorhang hervor. Ich habe sie auf dem Flohmarkt gefunden. Eine Zeitungsseite hinter Glas. Und doch…Ich frage mich, wer sie ist. Sie scheint so selbstvergessen als wüsste sie alle Geheimnisse und könnte sie halten – mit nur einem Faden.
Eine Taube flüstert ihr etwas ins Ohr. Sie lauscht. Das ist genug.
Ein Anhalten im Toben der Welt.

Ich wünsche Ihnen einen inneren Raum, an dem eine Zuflucht ist.

Bleiben Sie behütet!
Ihre Pfarrerin Sigrid Jahr

30.04.2020

Und wenn es jetzt einfach so weiterginge? Wenn es unumkehrbar wäre, was wir jetzt an Verhaltensmustern lernen? Oder anders gefragt: Geht es Ihnen auch so, dass, wenn Sie Filme sehen, es Ihnen ganz befremdlich vorkommt, wie nahe die Menschen beieinander stehen, wie sie sich um den Hals fallen oder sich in die Augen schauen, so ohne allen Abstand?

Werden wir wieder verlernen, den anderen als möglichen Virenträger zu sehen? Und uns selbst als Risikofaktor für die Krankheit und den Tod der Nächsten?

Wenn Jesus Menschen geheilt hatte, hat er sie zunächst in den Tempel geschickt. So war das Gesetz. Nur die Priester konnten den Geheilten wieder in die Sozialgemeinschaft aufnehmen, die ja immer zuerst eine religiöse war. Aber vielleicht hat es noch einen tieferen Sinn, eine Zeitlang in einer Brückenzeit zwischen gestern und morgen vor Gott zu verbringen.

Ablegen, was das Leben so sehr bestimmte: Druck und Zwang, Sorge und Gereiztheit.

Sich dann umzuwenden und das Morgen zu begrüßen. 

Neulich sagte einer, man müsse nun üben, was schon immer das Menschliche sei: sich im Ungewissen zu beheimaten. 

Es war ein junger Mensch, ohne die Verantwortung für die Familie und die finanziellen Verpflichtungen, die wir Älteren schon eingegangen sind. 

Aber eigentlich könnte er recht haben, vorausgesetzt, wir haben so etwas wie ein Urvertrauen, dass es gut ausgeht, dieses Ungewisse. Vorausgesetzt, wir haben den Luxus, diese Hoffnung erfüllbar denken zu dürfen. Denn wir wissen ja auch vom Scheitern der Vielen an unseren Grenzen, in unserem Leistungsnetz, in unserer Sprachlosigkeit. 

Aber mal nur von uns geredet, hier in Spandau, in unserer Gemeinde, mit den Freunden und Nachbarn, mit Christen und Gutmenschen, mit einem Beziehungsnetz, das sich täglich bewährt und, wer weiß, vielleicht sogar fester geknüpft wird. Das vorausgesetzt: können wir uns beheimaten im Nichtwissen? 

Ich kann mir das nur vorstellen unter der Voraussetzung, dass es einen sicheren Ort gibt, der, noch tiefer als die Familie es kann, trägt und verlässlich das Kostbarste birgt.

Und nun möchte Gott solch ein Ort sein. Die Psalmen preisen diese Eigenschaft in vielerlei Bildern: Du bist meine Burg, mein Fels, mein Hort. Auch mein Weg, mein Licht, mein Leben. Vielleicht mein Strohhalm, mein seidener Faden, mein Seil über dem Abgrund. 

Reicht das? Es muss. Anderes gibt es nicht. Aber es gelingt. Seit mehr als 5000 Jahren. 

Führe mich, o Herr, und leite meinen Gang nach deinem Wort;

Sei und bleibe du auch heute mein Beschützer und mein Hort.

Nirgends als von dir allein kann ich recht bewahret sein.

 EG 445, Text und Melodie Heinrich Albert 1642 (im 24. Jahr des 30 jährigen Krieges)

 Bleiben Sie behütet,

Ihre Pfarrerin Sigrid Jahr

 

27.04.2020

Ich habe in der letzten Woche gleich drei Geburtsanzeigen bekommen. Das Leben geht weiter. Was werden die Kinder hören über ihr Geburtsjahr? Später dann: Stellt euch vor, es gab damals noch keinen Impfstoff. Geschichten wie wir sie über die Pest erzählen. Ein bisschen gruselig aber sehr weit weg. So wird es sein, und das ist doch tröstlich. Es heißt, dass wir jetzt nur durch das berühmte finstere Tal gehen müssen. Und dass das bald geschafft ist.

Wobei bald natürlich relativ ist.

Zeitenwechsel.

Schon wieder sind wir im Vorteil, weil das ja unser gewohntes Denken ist. Gottesgeschichtenzeit – Bibelzeit – Übersetzungszeit 16. Jahrhundert mit Luther – Liederzeit - und dann wir mit unserem Neuzeitdenken. Und immer muss die Gedankenbrücke überquert werden. Eben mal 5000 Jahre im Blick. Und alle Ähnlichkeiten der Gefährdung, des Glaubens, der Fragen und der Gottnähe. Und immer ist es weiter gegangen. Und immer hat es sich verändert. Und immer ist vieles gleich geblieben.

 

Und wie werden die jetzt Neugeborenen in 80 Jahren die Welt sehen? Wie haben wir sie hinterlassen? Was haben wir weitergesagt? Haben wir die Nachkommenden für finstere Täler ausgerüstet? Haben wir die Hoffnungsgeschichten weitererzählt?

(Es sei gleich noch einmal an die Gute- Worte -Notfall-Apotheke- Wichern- Radeland erinnert, schreiben Sie uns gerne die Texte, die Sie jetzt durch die Zeit tragen).

Ich sage weiter, wie Gott sich die neue Welt vorstellt: Es wird kein Leiden mehr geben.

Stellen Sie sich die Nebenwirkungen vor. Das heißt doch: Kein Unrecht, keine Gewalt, kein Hunger, keine Krankheit, keine Einsamkeit. Und umgekehrt?

Ein gelassenes Leben mit Gott als Weggefährten. Ein Schlendern in der Welt mit bereichernden Begegnungen. Eine große Freundlichkeit, die sich über alle legt. Ein Wohlwollen, lächelnder Leuchtesegen. Und niemals langweilig. Es gibt so viel zu lernen. Gottes Unendlichkeit kann niemals ausgedacht werden.

Ich meine, wenn man weiß, wie es wird, dann könnte man ja schon damit anfangen. Mit der Freundlichkeit zum Beispiel. Und gerade jetzt die vielen Ideen, andere so schön zu überraschen wie zum Beispiel am Sonntagnachmittag die Musik in der Kirche. Wie schön das war. Das Abendsingen in der Waldsiedlung. Mancherorts gibt es buntbemalte Hoffnungssteine. Die wünsche ich mir auch vor die Kirche.

 

Wir sind immer in zwei Welten zu Hause. Im Himmel und auf Erden. Mit Bürgerrechten. Das weitet den Blick und lässt uns dann und wann ausruhen in anderer Perspektive und einer Ruhe in allen Stürmen. Nur ein Gebet entfernt. Noch dazu in guter Gesellschaft, wenn wir das wollen. In allen Generationen. Eine große Freude in allen Wirrnissen der Zeit.

Seien Sie eingeladen. Und sagen Sie es weiter.

Und bleiben Sie behütet,

Ihre Pfarrerin Sigrid Jahr

24.04.2020

Schreib doch mal wieder was, sagen die, die es doch dann und wann gelesen haben.
Ich kann nicht – wie, du kannst nicht? Das ist ja wohl das Allerneueste, was hindert dich denn? – Ich möchte immer etwas Optimistisches schreiben, von der Osterfreude und der Hoffnung., Aber nun ist mir das Elend ins Herz gefallen – na, das Elend gibt es doch nicht erst seit heute - Ja aber…: Es denkt in mir…, dass es ein Massenelend in den Lagern und Hungergebieten unserer Welt in bisher unbekannten Ausmaßen gibt, dass ein Reporter sagen kann, Corona sei als Krankheit gar kein Problem, weil die Menschen schneller verhungern würden, als sie krank werden könnten, weil die Verteilung unter den Vorschriften der Pandemie nicht mehr ausreichend gewährleistet sei. Die Menge der Hilfsgüter sei auf 25% gesunken. Die Kinder sterben zuerst. Wie soll man das aushalten, sag? Wieder ein weiteres Gebiet der umfassenden Ohnmacht. -Wir haben genug eigene Probleme, können die Welt nicht retten und entdecken gerade die Nachbarschaftshilfe. Alles geht nicht. – Das hilft nicht-
Wie nun weiter?

Kennen Sie solcherart inneren Dialoge?
Sie sind in jeder Weise hinderlich für die unbeschwerte Lebensfreude, und manchmal kann ich verstehen, dass Menschen einfach nur noch wegsehen mögen.

Jesus sagt: Schaut hin. Sagt es weiter, nehmt es ins Gebet. Gebt euch nicht zufrieden, verändert die Welt. Lasst das Elend nicht zu.
Na toll. Wie denn?
Mir fällt da nichts ein. Ich sage doch, dass ich nichts schreiben kann.

Allerdings. Zu Jesu Zeiten war das Elend nicht wesentlich kleiner. Und trotzdem haben die Menschen ihre Hoffnung auf Gott gesetzt. Sie haben sich gegenseitig an die Versprechen Gottes erinnert, und sie haben nicht aufgegeben. Erstaunlich, oder?
Sie haben ihre Klagen und Fragen als Gebete gesprochen. Davon lesen wir in den Psalmen.

Also sag, Gott, wie stellst du dir das vor? So viele Lager, so viele Dörfer ohne Versorgung. So viel bedrohliches Nichts. So viele, die keiner will, keiner versorgen kann, keiner erreicht.
Bist du dann noch bei ihnen, Gott?
Und wie soll das weitergehen?

Ich versuche mich in einem Psalm:

Du, Gott, hast die Schöpfung ins Leben gerufen, du führst sie zum Ziel.
Höre die Verzweiflung der Menschen, die im Elend sind.
Höre die Natur, Erde, Bäume, Wasser, Luft, sie warten auf dein Eingreifen.
Gott, wir vertrauen auf deine Versprechen.
Du sagst, dass du auf deine Welt siehst.
Du sagst, dass du in der Zeit wirkst.
Am Ende werden wir es sehen und dir danken.
Halte du unsere Hoffnung fest. Amen

Ich bin froh, dass ich keine Psalmdichterin geworden bin…
Versuchen Sie es einmal selbst.

Bleiben Sie behütet, Ihre Pfarrerin Sigrid Jahr

 

20.04.2020

Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns nach seiner großen Barmherzigkeit wiedergeboren hat zu einer lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten (1. Petrus 1.3)

Eigentlich ist der Wochenspruch so gemeint, dass man die ganze Woche immer mal wieder über ihn nachdenken soll. Dass er sich mit dem Alltäglichen verbindet und sie sich beide darin verändern und entfalten, das Bibelwort und das Alletageschaffen.

Nun ist das Gottloben vielleicht nicht das Erste, was uns in dieser Zeit so einfällt.
Barmherzigkeit ist schon eher etwas, was wir gut gebrauchen könnten. Im Hebräischen bedeutet das Wort auch Mutterschoß. Etwas zum Hinflüchten bei allerlei Verletzungen, ein Trostort, ein Wiegen, Flüstern und Summen. Eine kleine Zeit zum Ausruhen in bergender Sicherheit. Im Griechischen heißt Barmherzigkeit auch Mitleid oder Erbarmen. Es ist eher eine Haltung der Zuwendung, der Zu-Neigung. Nicht so sinnlich wie im Hebräischen, dafür auch offen für eine politische Dimension. Gottes Barmherzigkeit will hier auch soziale Gerechtigkeit. Der Ruf nach Erbarmen (kyrie eleison), ist auch ein Ruf nach Befreiung, nach dem Ende von Gewalt und Ausbeutung. Ein Schrei, der auch der Kreatur, der Schöpfung zugebilligt wird. Bis zum Himmel hinauf.
Im Deutschen steht das Herz in der Mitte. Die Not soll Gott ins Herz genommen sein. Was das Herz berührt, erhält eine Dringlichkeit, die uns mit allen Möglichkeiten Handeln lässt.
Der barmherzige Samariter tut nach unserer Vorstellung nicht das religiös Geforderte, nicht das politisch Angebrachte, sondern das menschlich Richtige.

Und nun Petrus: Gottes Barmherzigkeit und Christi Auferstehung schenkt uns ein neues Leben in einer lebendigen Hoffnung.

Gibt es eine tote Hoffnung? Eine, die nur auf diese Welt setzt vielleicht? Eine, die die Ewigkeit nicht einbezieht? Immerhin geht es weiter: Dann werdet ihr euch freuen, die ihr jetzt eine kleine Zeit, wenn es sein soll, traurig seid (1. Petrus 1,6)

Wir aber haben die lebendige Hoffnung. Schön. Was machen wir jetzt damit? Ich schlage vor: Wir üben uns in Barmherzigkeit. In jedem Verständnis aller Sprachen. Politisch, tröstend, sozial, freundlich, zugewandt und ins Herz genommen. Das könnte geradezu ein Merkmal der Gläubigen in der Welt sein. Ein Licht für jede Dunkelzeit.

Und manchmal, in den Zeiten der großen Müdigkeit über die Zerzausungen der Welt, legen wir uns in die Ohrmuschel Gottes, da passen wir gerade gut hinein, und flüstern, gut geborgen, immer die gleiche Bitte: Herr, erbarme dich, Kyrie eleison. Hosianna.
Erbarme dich über deine arme Welt.

Und halte uns bei deinem Trost.

Bleiben Sie behütet!
Ihre Pfarrerin Sigrid Jahr

 

19.04.2020

Letztes Jahr im April kamen die ersten Urlaubskarten. Madeira, Mallorca, Tunesien, Israel. Mein Kollege aus alten Zeiten pflegte dann immer zu sagen: was soll ich da, nirgendwo ist es jetzt schöner als hier. Und es stimmt ja auch, es blüht und summt, zwitschert und grünt. Wundervoll, in der Landschaft zu sein, mitten drin.

Aber, denken wir, immerhin ist es auch Corona-Zeit. Nein, das vergisst sich nicht. Aber auch da können wir dankbar sein für die Gnade unserer Geburt. Immerhin werde ich ein Bett haben, falls ich Fieber bekomme. Asperin und wenn es ganz schlimm kommt, Menschen, die um mein Leben kämpfen. Auch das ist keine Garantie, ich weiß. Wenn Gott schon eine Aufgabe im Himmel für mich hat, dann wird es kein Halten geben.
Aber wir haben wenigstens die Chance auf eine gewisse Würde, finden Sie nicht?
Wie ungerecht das Gute verteilt ist. Und wie wenig wir es sehen.
Einatmen-ausatmen.

Und dann sind da noch die erbitterten Kämpfe quer durch die Familien, wie man sich jetzt verhalten müsste. Wie viele Ausnahmen wir wann machen. Wie wir mit Sterbenden umgehen. Mit psychisch jetzt noch mehr Belasteten. Oder einfach mit dem schönen Wetter?
Was gibt mir denn eine Orientierung in dieser Zeit? Worauf baue ich mein Leben?
Und wer setzt den Maßstab? Wer begleitet die Fragen?
Einatmen-ausatmen.

Die alte Kirchenzeitung liegt noch auf meinem Tisch: Bleiben Sie besonnen.
Meine Schwester postet: stop trying to calm the storm. Calm yourself. The storm will pass.
Vielleicht ist das doch immer unsere Aufgabe. Dass wir unsere Seele zur Ruhe bringen in unserem Gott. Uns jeden Tag darin üben, egal, wie es im Draußen stürmt und tobt.
Ein Bild fällt mir in den Sinn: der Heilige Antonius schwebt so über den Bergen, die Augen geschlossen als sei er in tiefer Meditation. Sein Hirtenstab liegt locker in seiner Hand. Er scheint kaum zu bemerken, dass 8 Dämonen ihn mit aller Macht bedrängen, ihn schlagen und nach allen Richtungen ziehen wollen.
Ich werde es nachher in die Kirche legen, dann können Se sich ein Bild mitnehmen. Es lohnt sich, die Dämonen auszumalen, manche kann man fast schon mit Namen benennen: die Einflüsterer und Ausbremser, die Angekrallten und die mit den vielen Köpfen. Naja, Sie wissen schon. Viele Gedanken plagen uns Menschen.
Einatmen-ausatmen.

Haben Sie Ihren Bibeltext schon auswendig gelernt?
Ihre Gebetszeit schon gefunden?
Sind Sie noch getrosten Herzens?

Unser Wochenspruch heißt:
Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns nach seiner großen Barmherzigkeit wiedergeboren hat zu einer lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten (1. Petrus 1.3)

Bleiben Sie behütet!
Ihre Pfarrerin Sigrid Jahr

 

17.04.2020

Susanne Niemeyer schreibt in "Wandeln, mein Fasten-Wegeweiser 2020":

"Ostern ist ja jetzt vorbei, sagen die Leute im Park. Aber es sind noch 35 Tage bis Himmelfahrt. Osterfreudenzeit. Das Staunen über diese alles verändernde Botschaft, über das, was es bedeuten könnte, die neue Gemeinschaft untereinander und die Begegnung mit dem Auferstandenen. Das muss damals doch verwirrend gewesen sein.

Und dann haben die Jünger ja auch berechtigte Angst um ihr Leben gehabt. Und wissen nicht, wie es weitergehen soll. Eine Zeit, gar nicht so anders als die Heutige, denke ich.

Man braucht einen langen Atem, um das Unverstehbare nicht weg zu erklären, es nicht vorschnell zu deuten und in irgendwelchen Kategorien einzuordnen.

Die Auferstehung macht den Karfreitag nicht weniger schmerzhaft. Die Erkenntnisse aus einer Katastrophe machen die Toten nicht lebendig. Es geht also auch um den Respekt vor den Dunkelseiten der Zeit. Kann man das so sagen?

Vielleicht reichen Worte nicht weit genug. Nicht zufällig zeigt Gott sich in Zeichen. Feuer im Dornbusch, ein unaussprechlicher Name, Wolkensäulen, ein verschwebendes Schweigen, ein Engel dann und wann, ein Kreuz.

Allerdings auch ein Mensch mit Worten. Erstaunlich, dass wir noch heute um ein Verstehen ringen. Nicht einzuordnen dieser Eine.

Wie halten wir den Raum offen für unseren Gott?

Reicht es, ihn zu um-ahnen?

40 Tage von Ostern bis Himmelfahrt.

40 Tage Wüste für Mose auf dem Berg der Gebote, für Elia, für Jesus, 40 Tage, die Besondere sein wollen, außerhalb der Alltage. Ist das möglich? Eine Haltung der inneren Heiterkeit? Jetzt?

Ich nehme mir vor, Gott einmal nicht hinterher zu hetzen. Mich nur beschenken zu lassen.

Gott streift durch die Welt, ein irrer Zickzackkurs von Trondheim nach Aserbaidschan, vom Après-Ski in die Stille der Klöster, unterwegs in U-Bahnen, auf Feldwegen, zu den Stränden der Seychellen. Ich konnte ihm nicht folgen, eine Weile versuchte ich es, immer außer Atem, das war kein Leben.

Eines Tages stand ich traurig am Gleis, es war ein Mittwoch. Eine Taube jagte einer störrischen Pommes hinterher, und ich gab auf. Ich stieg in die nächste Bahn und fuhr nach Hause. Die Leere dort ängstigte mich.

Doch nach ein paar Tagen lag die erste Ansichtskarte im Briefkasten. Palmen waren darauf zu sehen, es folgten Gipfelkreuze, Lavendelfelder. Und innige Grüße, schreibt Gott, immer innige Grüße."

 

Bleiben Sie behütet,

Ihre Pfarrerin Sigrid Jahr

 

16.04.2020

Heute möchten wir Ihnen die "guten Worte" des Ostergrußes von unserem Bischof Christian Stäblein mitgeben:

Ostersonntag, 12. April 2020

Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz


Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Schwestern und Brüder,
so eine Karwoche und so ein Ostern gab es noch nicht. Egal, wie man die historischen Vergleiche zieht oder es vielleicht auch lässt. Dieses Ostern wird anders: ohne Reisen, ohne großes Mit- einander, ohne das Hallo auf den Spaziergängen. Nun ist das wohl noch am leichtesten zu verkraften, wir wissen ja, warum wir darauf verzichten. Schwerer, viel schwerer zu tragen für viele ist die große Sorge um ihre wirtschaftliche Existenz. Schließlich, im Zentrum: die Sorge vor dem Virus, das Aushalten bei den Kranken, bei den Sterbenden.
Da hinein nun feiern wir Karfreitag und Ostern. Was heißt das denn? Gott kennt die Krise. Kennt die Angst, unsere Angst. Das Sterben. Keinen Ausweg wissen, keinen Ausweg sehen. Das ist die Erinnerung an Karfreitag. Gott kennt unsere Zweifel, unser Verzweifeln. Läuft nicht weg.
Stattdessen versöhnt er. Ein großes Wort, zweifellos: versöhnen. Kennen Sie diese Sehnsucht nach guter Nachricht in diesen Tagen? Nach Versöhnen mit der Angst? Ein Versöhnen mit all dem, was uns auseinandertreibt. Bleibt zusammen, im Abstand füreinander da. Ich danke allen, die das tun in diesen Tagen. An der Kasse im Laden. Und in der Pflege. Auf der Intensivstation. Und in der Kitanotbetreuung.
Und Ostern? Es zeigt, dass der Tod nicht das Letztgültige ist. Dass wir nicht danach suchen müssen, welcher Sinn in ihm liegt. Und dass wir ihm auch nicht einen Sinn geben müssen, den er nicht hat. Ich höre so viele Deutungen, so viele Erklärungen, warum und wozu das Corona-Virus, dass es dieses oder jenes uns lehre und zeige. Wie wir unser Leben umstellen sollen, was sich alles ändern muss. Kann sein, ja, kann gut sein, dass sich viel ändern muss in unserem Leben, dass wir zu mancherlei gutem Richtungswechsel, ja zu Umkehr animiert werden. Aber Ostern sagt mir zuerst: Geben wir nicht dem Tod diese Macht, dass er den Sinn bestimmt. Geben wir nicht einem Virus die Macht, dass es unseren Lebenssinn bestimmt. Das Leben ist stärker, die Sehnsucht nach Leben geht weiter, Gott ruft uns zu: Du wirst leben. Du wirst frei sein.
Was für ein Ostern also dieses Jahr. Was für ein Osterspaziergang im Kopf und im Herzen mit dieser Zusage Gottes. Was für ein Ruf, den Gott laut macht in uns. In der Kirche klingt er immer so: Der Herr ist auferstanden! Gelten will das auch vor der Kirchentür, überall in der Welt, gelten will das für dein und mein Herz.
Frohe Ostern wünsche ich Ihnen!
Bischof Dr. Christian Stäblein

 

13.04.2020

Ostern werden Überraschungen gefunden. Wie damals unverhofft der Auferstandene. Und dann, einen Tag später, hatten sie sich da nicht auf den Weg gemacht, nur weg vom Ort der Trauer, und er war ihnen begegnet und sie hatten ihn nicht erkannt. Ja, versteckt sich unser Gott denn vor uns? Sollte es nicht leicht sein, ihn zu finden?

Sollte es?

Gleich, sofort und einfach mitten ins Glück?

Vielleicht ja am Ende der Zeit, wer weiß. Aber hier? Ich gebe zu, dass ich es nicht glauben könnte. Sogar für Menschenliebe muss man ja einiges einsetzen, manches wagen, sich oft gedulden und sich selbst auch mal zurücknehmen mit all dem eigenen Wünschen und Wollen.

Wie muss es dann erst bei Gott sein mit seinen anderen Maßstäben?

Was wäre, wenn er sich nicht nur in der Schönheit der Natur versteckt, sondern auch in ihrem Elend, in Erdbeben, Gewalt, Staub und Viren? Das mag ich nicht denken. Und doch hat er sich in der Ohnmacht offenbart. Ein Gott, der im Leiden der Welt leidet. Gerade darin allgegenwärtig. Und wenn es mir gelingen sollte, das zu denken, was bedeutet es dann?

Wer Gott begegnen möchte, ist gut beraten, nicht an Obdachlosen vorbei zu gehen (und natürlich sind sie hier nur ein Beispiel für die vielen da draußen vor unseren Türen).

So sagen es die großen heiligen Vorbilder. Ich verstehe das. Ich kann es nicht immer. Noch nicht einmal oft. Hat Gott kein anderes Wort?

Die Emmausjünger haben Jesus an seinem Dankgebet erkannt, was er über das Brot sprach. Und als sie ihn erkannt hatten, verschwand er vor ihren Augen, so heißt es.

So geht das Suchen weiter.

Die Jünger laufen zu den anderen und erzählen weiter, was sie erbebt haben.

Später werden sie in andere Länder reisen und die Christusbotschaft in die Welt tragen.

Sie werden verfolgt werden. Bis heute. Und die Botschaft wird sich ausbreiten. Bis heute.

Gott ist unbestechlich. Gott ist parteiisch. Gott ist überall mitten im Leben. Er ist zu entdecken aber nicht zu vereinnahmen.

Ich hätte ihn so gerne ganz sicher bei mir. Stattdessen nur die Botschaft, noch nicht einmal vollständig verstanden. Und ein Versprechen: Ich werde mich finden lassen. Immer wieder.

Albertz Schweitzer schreibt:

„Als ein Unbekannter und Namensloser kommt er zu uns…Er sagt dasselbe Wort: Du aber folge mir nach!  und stellt uns vor die Aufgaben, die er in unserer Zeit lösen muss. Er gebietet. Und diejenigen, welche ihm gehorchen, Weisen und Unweisen, wird er sich offenbaren in dem, was sie in seiner Gemeinschaft an Frieden, Wirken, Kämpfen und Leiden erleben dürfen, und als ein unaussprechliches Geheimnis werden sie erfahren, wer er ist…“

Bleiben Sie behütet!

Ihre Pfarrerin Sigrid Jahr

06.04.2020

Ich bin umgeben von Worten. Manche machen sich auf meinem Sofa breit oder laufen ein stückweit durch den Wald mit mir. Einige kommen ungefragt und stellen sich neben mich mit flüsternden Stimmen. Manche bauen ihre Nester in Kopf und Herz. Die meisten umkreisen das Denken. Nicht immer originell, sie wiederholen sich auch. Manches will ich gar nicht hören. Dann wieder tragen sie mich ein Stück. Ein inneres Lächeln ist auch dabei, mit einem Erinnerungsbild, einer Stimme, einer Farbe.

Elternworte, Bibelworte, Gelerntes, Aufgeschnapptes, gefunden, gelesen, gesucht, gehört, geschrieben. Wohin gehen sie, wenn sie gedacht sind?

Gedanken, so heißt es, haben eine eigene, weltgestaltende Kraft. Ist ja nichts Neues, so funktionieren Gebet und Fürbitte, das wissen wir längst.

Wo denken Sie die Welt hin in den Coronazeiten? Es gibt so viele Unheilsphantasien zur Zeit, Untergangsszenarien, Angstmacher, Sorgenschürer und die, die alles leicht nehmen wollen und hoffen, dass man die Probleme löst, indem man sie ignoriert.

Wie denken wir die Welt in dieser Zeit und im „Danach“?

Wir glauben, dass die Krise sehr besonders ist. Schon das ein Luxus, der aus dem Wohlleben entstand. In Wirklichkeit ist die Schwierigkeit des Überlebens ein Menschheitsthema seit Anbeginn der Zeit. Krankheiten, Katastrophen, Kriege, diese drei standen immer schon im Weg. Auch Jesus weiß davon. Er kennt sie alle, die, die auf den Straßen sterben, die Gewalttätigen und Armen, die Aussätzigen und Hoffnungslosen. Diejenigen, die Kreuze errichten und die, die daran hängen. Völkermörder mit Allmachtsideologien. Schuldzuweiser und die, die sich für etwas Besseres halten. Auch damals schon.

Segnet, sagt Jesus. Segnet und flucht nicht. Betet. Auch für eure Feinde. Kümmert euch um die, die sich selbst nicht versorgen können. Geht zu ihnen, lehrt sie die gute Botschaft, das Evangelium. Sorgt euch um eure Gedanken und Worte, denn nicht, was zum Mund hineingeht, macht den Menschen unrein, sondern das, was aus dem Mund herauskommt (Mt 15.11). Es ist ein Unterschied, wie ein Mensch über die Welt, über das Leben, über die anderen denkt. Denn aus Gedanken werden Worte, aus Worte werden Taten.

Die Gedanken sind frei und ungezähmt. Manchmal übergriffig, manchmal quälend.

Sie müssen diszipliniert werden, geübt, gelernt, mit Gutem gefüttert, gepflegt und liebevoll aufgezogen werden. Sie müssen unterschieden werden, damit wir Hilfreiches von Destruktivem trennen und entscheiden können, welchem Weg wir Raum geben.

Ich bin von Worten umgeben. Nicht alle dürfen bei mir wohnen. Die Plätze sind schon besetzt mit meinen Freunden. Im Schaukelstuhlsitzt die Weihnachtsgeschichte. Sie ist verwandt mit dem Prolog aus dem Johannesevangelium. Der Gute Hirte aus Psalm 23 kommt mich manchmal besuchen. Er bringt den 139. mit. Am liebsten bin ich in diesen Tagen mit dem Benedictus (Lukas 1, 68-79) zusammen: Gelobt sei der Herr, der Gott Israels, denn er hat besucht und erlöst sein Volk!

Ein Gast, der gerne durch die Häuser geht.

Bleiben Sie behütet!

Ihre Pfarrerin Sigrid Jahr

 

04.04.2020

Palmarum ist ein kleines Innehalten nach den Wochen der Fastenzeit, vor der Karwoche.

Es ist eine Heiterkeit darin, die entsteht, wenn man versteht, wie alles sich fügt, wie es zusammengehört und miteinander verzahnt ist…und dann staunt und sich ein großes Einverständnis ums Herz legt. Gott selbst führt die Welt zu ihrem Ziel. Mit all unseren Irrwegen und oft, sehr oft, ohne dass wir das verstehen.

Zu Jesu Zeiten war der Einzug in Jerusalem natürlich ein großes Volksfest. Sie waren zum Passah versammelt und dann kam der eine auf einem Esel durch das schöne Tor, wie es Sacharja für den Messias verheißen hatte. Jetzt, gleich, vielleicht schon morgen, sollte das Gottesreich anbrechen. Die Befreiung von der Fremdherrschaft, der Sieg Gottes, sichtbar für alle Welt. Und alle Völker würden kommen und den Einen anbeten und, die, die es schon immer gewusst hatten, würden endlich ihr Recht bekommen.

Die Evangelisten, die es aufgeschrieben haben wussten schon vom Kreuz und der Auferstehung, und dass das wohl etwas anders als gedacht weitergehen würde.

Für die Kirche war Palmarum immer schon der Konfirmationstag. Zu Ostern hörte die Schule für 14 Jährige auf und das Arbeitsleben begann im Erwachsenenpensum. Oder die Lehrzeit, weit weg von zu Hause.

Für uns ist der Sonntag vor Ostern meist der Auftakt für vielerlei Vorbereitungen der Festtage. Aber nicht in diesem Jahr. In diesem Jahr können wir uns Zeit nehmen, uns noch einmal in der Betrachtung zu üben.

Es begab sich - so fängt die Weihnachtsgeschichte an (Lukas 2.1.), so beginnt die Karwoche mit dem Einzug in Jerusalem (Lukas 19, 29). Gott fügt aus der Geschehen der Welt seine Heilsgeschichte. Dort der Kaiser Augustus, hier der Statthalter Pontius Pilatus. Eine Volkszählung, oder ein Volksfest. Hirten, Sterne, Schafe, Esel, Palmen, Krippe und Kreuz. Und die Frage bis heute: Wer ist er?

Wer ist er für mich?

Glaube ich ihm seine Lebensgeschichte? Glaube ich ihm seinen Gott? Glaube ich, dass er etwas zu tun hat mit meinem Leben?

Und ich mit seinem?

Könnte es sein, dass es wichtig ist, jetzt bei ihm zu bleiben, jetzt Zeugin zu sein für seinen Weg. Ihn anzusehen, ihm zuzuhören, mit ihm zu wachen, zu beten und zu schweigen.

Und die Furcht zu spüren, wenn die Gewalt sich verdichtet und der Tod schon spürbar wird. Wenn die Gemeinschaft brüchig wird mit der Angst um das Leben. Wenn sie essen und er die Worte aus der Dankesliturgie für die Errettung aus dem Tod spricht und die Jünger es nicht verstehen können. Die Hoffnung, dass Gott selbst eingreifen möge. Und es nicht tut.

Dabeibleiben. Aushalten. Die Zeit anhalten. Dem Atem nachspüren.

Und bei allem in der Heiterkeit bleiben, die weiß, dass alles, was geschieht in Gottes Händen liegt. Lassen Sie uns die Zeit gemeinsam leben.

Bleiben Sie behütet!

Ihre Pfarrerin Sigrid Jahr

 

03.04.2020

Meine Engeltochter wirft sich laut weinend auf den Boden: Es ist so ungerecht. Ich sehe meine Tochter an: Und nun? Sie sagt: die ganze Welt ist ungerecht. Das Weinen wird noch lauter. Ich merke ein inneres Seufzen. Die Wahrheit ist nicht oft ein Trost. Nach einem Moment sagt sie leise: Bist du immer noch traurig?

Es ist nicht einfach, wenn Fünfjährige entdecken, dass es nicht nur der Schmerz des verweigerten Wunsches ist, sondern, dass die Ungerechtigkeit zusätzlich zu tragen ist. Ein Leiden, was sich zeitlebens in uns einnistet. Und es ist egal, ob es um Luftballons, Corona, Diktaturen oder um das Schicksal geht, an einem Ort geboren zu sein, der sich als nicht geeignet zum Überleben herausstellt.

Die ganze Welt ist ungerecht. Wir bemerken das zumeist im Mangel.

Die Älteren sagen, was wir zur Zeit erleben, sei „noch gar nichts“ und berichten von Typhus Zeiten, von Hunger und Wassermangel und der Frage, wo noch Platz sei für die Sterbenden.

Und jetzt haben wir doch zu Essen, eine Wohnung, eine medizinische Versorgung und sogar Kontakt über das Telefon. Das ist auch ungerecht-so weltweit gesehen. Da geht es vielen schlechter. Auch in unserer Stadt. Denken Sie nur an die Obdachlosen und an die, die in plötzlicher Arbeitslosigkeit ihre Miete bald nicht mehr bezahlen können.

Corona Nebenwirkungen sind noch ungerechter als die Willkür der Krankheit selbst.

Was sagt denn Gott dazu?

Ist es gerecht, dass Jesus mit 33 Jahren am Kreuz stirbt?

Ist es nicht so, dass die Hälfte der Psalmen über die Ungerechtigkeit der Welt klagen?

Heißt es nicht, dass die Frage nach der Gerechtigkeit Gottes (die Theodizefrage) die Mutter aller Glaubensfragen ist? Unbeantwortet seit dem Anfang der Welt?

Und ist es nicht wunderbar, dass wir ein Gefühl für Gerechtigkeit haben? Dass uns das Ungleichgewicht der Welt stört, uns in Bewegung setzt, die Linderung herausfordert? Ist das Unrecht nicht auch die Bewegung der Hilfe, der weltweiten Verantwortung, der Nächstenliebe, der Begegnung?

Ist das ein Trost? Eher nicht. Bist du immer noch traurig?

Ja, Gott, ich bin traurig. Um so älter ich werde, desto mehr spüre ich den Klang des Leidens immer so mitschwingen. All die verwaisten Eltern, die Raserei der Kriege, die Verwüstung und die Gier der Menschen, die alles kaputtmacht was gut und heilig ist.

Der himmelsstürmende Schrei der Ungerechtigkeit. Bist du auch traurig, Gott?

Lass uns ein wenig zusammensitzen. Bleiben und aushalten und ein wenig Licht auf die Verletzungen legen. Lass uns die Welt wiegen, Gott. Und die Tränen sammeln.

Sei still, mein Herz. Die Bäume beten.

Wir bleiben verbunden.

Bleiben Sie behütet!

Ihre Pfarrerin Sigrid Jahr

 

02.04.2020

Was ich zurzeit nicht mag: Durchhalteparolen mit moralischen Richtigkeiten. Ratschläge ohne Zuhören. Den Spruch meiner Oma „Wer auf sein Unglück tritt, steht höher“. Verordnete Tapferkeit, die nicht Mut, sondern nur verdrehte Verzweiflung ist.

Was ich momentan mag: Gedichte von Rilke, das Beieinanderbleiben auch ohne Worte, das Gottumkreisen von Susanne Niemeyer, meine biblischen Freunde mit ihren Geschichten.

Heute zum Beispiel ist mir mein Freund Mose in den Sinn gekommen.
Diese lange Zeit in der kargen Wüste mit dem murrenden Volk, was sich nicht eingewöhnen wollte in die Situation des Mangels. Die Länge der Zeit auf ziellosen Wegen, die Mühen des Alters und der Geburten im Unbehausten, die Rückwärtsgewandten, die Vorpreschenden und eine zerbröckelnde Gemeinschaft, die sich ihres Glaubens unsicher wurde. Das ganze 40 Jahre lang? Für viele war das ein ganzes Leben.
Und mein Freund? Er fängt an, mit Gott zu diskutieren, ihm seine Verzweiflung vor die Füße zu werfen, seinen Auftrag anzuzweifeln, zu fordern, zu streiten – und dann hätte er da auch noch ein paar Verbesserungsvorschläge…
Und dann:
Gibt Gott Essen und Wasser, für einen Tag, er legt seinen Glanz auf Mose, und für den Weg sendet er eine Wolkensäule am Tag, eine Feuersäule bei Nacht. Er hatte es Mose versprochen, ihm seinen Namen genannt: Ein ich-bin-da-Gott will er sein. Und ist es auch.
Und Mose?
Mose beginnt für diese anderen zu beten, für die Nörgler und Schwierigen, für die mit dem kurzen Atem und der Ungeduld, für die Zweifler und die Zögerlichen (nun gut, so ausführlich seht es nun auch nicht in der Bibel, aber so stelle ich mir das vor). Und das Wunder geschieht in ihm selbst. Auf einmal kann er sie ertragen. Vielleicht sogar lieben.

Und ich denke, das könnte ein guter Weg sein. Auch heute. Wenn alle so gestresst und angespannt miteinander umgehen. So leicht genervt bei kleinsten Abweichungen von der eigenen Meinung, dem eigenen Umgang mit Angst und Gebotenem und der Versuchung von vielerlei Schuldzuweisungen.

Sprechen wir einen Segen in die Abstandslücken. Einen Gedankenwunsch hinter die Masken. Ein Gebet in den Streit. Ein Innehalten zwischen Licht und Schatten.
Nur einfach auf das Gotteswort hin, was es uns empfiehlt.

Und wie oben fast schon versprochen, ein kleiner Gedanke von Susanne Niemeyer
(in: 100 Experimente mit Gott):

„Manchmal würde Herr M. gern sagen: Ich bete für dich. Er ist sich nicht mal sicher, ob er glaubt, dass so ein Gebet tatsächlich etwas bewirkt. Aber ihm gefällt die Vorstellung, jemanden in seinen Gedanken zu beherbergen. Und vielleicht ist Gott ja auch gerade da.“

Bleiben Sie behütet!

Ihre Pfarrerin Sigrid Jahr

 

01.04.2020

Auf meinem Schreibtisch steht eine Postkarte mit dem Jesusbild von Rembrandt. Wie bei den Ikonen der alten Meister sieht er den Betrachter nicht direkt an, so, als sollte das Geheimnis seiner Person nicht angerührt werden. Dabei, zuhörend vielleicht, zugewandt – aber nicht verfügbar. Er hat immer noch anderes im Blick.

Manchmal möchte ich ihn fragen, wie es ihm so geht in der Welt mit all dem Leiden und Klagen, mit dem Unrecht und der Gleichgültigkeit. Er antwortet mir nie. Nicht, dass ich das Gefühl hätte, ins Nichts zu sprechen...es ist eher so, als gäbe es einen vielstimmigen Klang von unentwirrbaren Ursachen, dem er so nachlauscht. Und es ist eine Herzensschwere um ihn. Seine Erlösung ist wie damals die ohnmächtige Liebe. Die nichts löst. Und trotzdem alles trägt. Wer soll das verstehen?
Es ist gut, sich ein wenig zueinander zu setzen. Zu bleiben.

Und es scheint mir in die Zeit zu passen.
Wir sind durch den glänzenden Strom von Gedanken verbunden. Näher als sonst im Vielerlei.
Umgeben von Gebeten, im Angesicht Gottes. Ist die feinstoffliche Begegnung wirklicher als das, was wir sonst so erleben? Oder rede ich mir das schön?

Aber wie ist das, wenn wir in die Stille eintauchen? Wartet da nicht eben die Gegenwart des Heiligen? Der Segen, das „verschwebende Schweigen“, ein Wort? Und bezeugen nicht die Mystiker der letzten Jahrhunderte, dass diese Erfahrung die dichteste und tiefstmögliche ist?

Sind das Luxusgedanken, angesichts der praktischen Notwendigkeit, Kranke zu heilen und zu trösten so gut es eben geht?
In mir gehört das zusammen. Das Bild und die Traurigkeit über die arme Welt und der Glanz der Gemeinsamkeit, die immer nur die Gottesliebe spiegelt.

Am Ende kommt immer dasselbe heraus. Wir sind zueinander gewiesen.

Ich glaube, dass die Heiligen im Geist Gemeinschaft haben,
weil sie in einer Gnade stehn und eines Geistes Gaben.
So viele Christus nennet sein, die haben alles Gut gemein
und alle Himmelsschätze.

So trägt ein Glied des andern Last um seines Hauptes Willen;
wenn wer des andren Lasten fasst, lernt das Gesetz erfüllen,
worin uns Christus vorangeht. Dies königlich Gebot besteht
in einem Worte: Liebe.

Ich will mich der Gemeinschaft nicht der Heiligen entziehen;
wenn meinen Nächsten Not anficht, so will ich ihn nicht fliehen.
Hab ich Gemeinschaft an dem Leid, so lass mich an der Herrlichkeit
auch einst Gemeinschaft haben.

(EG 253, Philipp Friedrich Hiller 1731)
Bleiben Sie behütet!
Ihre Pfarrerin Sigrid Jahr

 

 

30.03.2020

Wollten wir nicht das individuelle Glück? Die Achtsamkeit für jeden Einzelnen und die Lebensgestaltung frei nach den jeweiligen Bedürfnissen und Maßstäben (natürlich innerhalb der Grundgesetze)? Und dann kamen die Klimawarner und die Rechtfertigungen (das Flugzeug fliegt, egal, ob ich mitfliege oder nicht) und noch immer war der Blick auf das Weltweite verstellt. Die Kriege um Wasser und Ressourcen, die Bilder von Sand und Staub, von brennenden Regenwäldern…all das…
Und dann kommt so ein Virus und macht alle gleich. Dazu die neue Furcht vor dem Nächsten. Jeder könnte ein Virenträger sein. Abstand halten. Vorräte sammeln. Gesund bleiben.
Die Ironie der Geschichte.

Was hat das mit Gott zu tun?

Strafe, Prüfung, Besinnungszeit? Man hört ja so einiges an Erklärungsmöglichkeiten.
Ich weigere mich, so über Gott zu denken. Als könnte es eine Absicht geben für all das Schlimme, was sich über die Welt zieht – und seien es Viren.
Und ja, ich weiß, dass es biblische Belege für dieses Gottesverständnis gibt. Dass vom Sündenfall angefangen bis zu den Propheten, ja selbst bei Jesus der Fluch der bösen Tat geschrieben steht. Es hat auch damals nicht viel genutzt, die Menschen in den Gehorsam zwingen zu wollen. Die Angst hat noch nie zu besseren Entscheidungen geführt.

Ich entscheide mich jeden Tag neu gegen alle Unheilspropheten.
Gott hat die Bewahrung seiner Schöpfung zugesagt. Seine Begleitung auch in finsteren Tälern. Die Nähe auch im äußersten Leiden. Die Befreiung selbst aus dem Tod.
Sollte ich Gottes Versprechen nicht mehr vertrauen als den prophetischen Drohnungen?
Wer glaubt, dass es eine dunkle Seite Gottes geben könnte, wird mich für meine Ignoranz schelten. Doch ehrlich: wer würde sich in die Gegenwart eines Gottes stellen mögen, wenn er/sie sich fürchten müsste?
Das aber ist doch die erste Übung: Dass wir uns in Gottes Tiefe fallen lassen, wenn die Oberfläche stürmt und brodelt. Dass wir uns des Ursprungs vergewissern, wenn alles andere auseinanderzufallen droht.
Und dass wir das gemeinsam tun und eben darin unser Menschsein entwickeln.

Lassen Sie sich nicht beirren: Unser Gott ist ein liebender Gott, der jetzt gerade an einem jeden Krankenbett sitzt und seinen Segen über die Welt flüstert. Er ist Halt und Trost, Weg und Ziel. Über die Weltzeit hinaus.

Befiehl du deine Wege und was dein Herze kränkt,
der allertreusten Pflege des, der den Himmel lenkt.
Der Wolken, Luft und Winden , gibt Wege, Lauf und Bahn,
der wird auch Wege finden, da dein Fuß gehen kann

(Paul Gerhardt, 1653)

Bleiben Sie behütet,
Ihre Pfarrerin Sigrid Jahr

 

27.03.2020

Was für ein schöner Tag, trotz alledem. Die Natur kümmert sich nicht um Corona. Und irgendwie ist das auch ein Trost. Es hat so den Geschmack von danach…es kommt noch was…Nachtisch…wie ein neuer Himmel am Ende der Zeit.
Bevor es soweit ist, freue ich mich an den kleinen unverhofften Kontakten: da grüßt einer von ferne. Eine holt die Gemeindeblätter zum Verteilen ab (ja, es gibt wieder neue…es liegen auch welche in der Kirche). Es werden Bibelpflanzen um unsere Kirche herum gepflanzt. Danke für die vielen Stunden, ja Tage, liebe Familie Trappe. Und dann wäre da noch der Paketdienst…die Telefonate...na, wie geht es bei euch…und dann und wann eine Mail. Auch und gerne mit Hilfsangeboten, falls wir wen wüssten…
Als hätten wir so ganz nebenbei die Freundlichkeit entdeckt. Die besorgte Achtsamkeit füreinander. Und das könnte auch ein schöner Mehrwert sein, den es zu erhalten gälte.

Natürlich gibt es auch die Anderen, die erhöhten Misshandlungszahlen in den aufeinander hockenden Familien, die Kranken, die nicht besucht werden dürfen. Die Alleinwohnenden, die nicht auf die Idee kommen, dass es Hilfe geben könnte.
Und dann natürlich die, die schon seit Wochen für alle anderen arbeiten und bald auch keine Kraft mehr haben. Die Ängstlichen, denen der Coronastress in die Seele fällt. Und die, die an den Grenzen warten und immer mehr in die Hoffnungslosigkeit fallen.

Die Idee von weltweiter Verbundenheit berührt mich tiefer als sonst. Die Videos von Chören im gemeinsamen Musizieren einmal rund um den Erdball.
Zugleich die Parallelwelten, in denen wir in unserer Zeit trotz allem leben. In den Ländern, in der Stadt, in den Häusern.
Alles erscheint viel deutlicher. Wird sich dadurch etwas ändern? Zum Guten?

Und unsere Gebete? Helfen die was?
Doch, das möchte ich glauben. Es wurde vielfach bezeugt durch die Jahrtausende. Alle Zeugen sprechen dafür. Selbst wenn es nicht immer nach unseren Wünschen läuft…
Dennoch, ja, das Gebet hält die Welt zusammen. Es macht den Gottessegensglanz sichtbar dann und wann. Ich möchte mich darauf verlassen, selbst, wenn vieles (und eben nicht alles) dagegen spricht. Selbst, wenn ich es selbst nicht ausrechnen kann. Selbst, wenn Gott sich zu entziehen scheint. Auch dann noch.

Er wird uns nicht los, dieser Gott, der sein ich-bin-da in die Welt versprochen hat.
Wir legen ihm unsere Ängste und Sorgen vor die Füße. Die Namen unserer Herzensmenschen und den Lauf der Weltgeschichte sowieso. Jeden Tag.

Meine Zeit steht in deinen Händen.
Nun kann ich ruhig sein, ruhig sein in dir
Du gibst Geborgenheit, du kannst alles wenden.
Gib mir ein festes Herz, mach es fest in dir.

(Peter Strauch 1981)

Bleiben Sie gut behütet!
Ihre Pfarrerin Sigrid Jahr

 

 

26.03.2020

Heute kam, wie jeden Donnerstag, die Zeitung „Die Kirche“ in mein Haus. Groß ist das Wort „Freiheit“ darauf plakatiert. Und ich dachte, dass es ja wahr sei, die Verlangsamung der Zeit ist eine große Freiheit. Der Gedanken und der fantasievollen Begegnung. Überall gibt es so wunderbare Ideen der Ermutigung und des Zusammenhalts. Gemeinsame Gebetszeiten, zeitgleich-Gottesdienste, bemalte Steine, die zum Finden ausgelegt werden, Grüße durch Kerzen in den Fenstern und Regenbogenbildern an den Haustüren.

Wären wir doch im Alltäglichen nicht drauf gekommen.

Aber die Zeitung hatte das ganz anders gemeint. Es ging eigentlich um die Eingrenzung der Freiheit durch die staatlichen Verordnungen, und ob die Kirche sich dem (insbesondere in der gebotenen seelsorglichen Begegnung) unterordnen dürfe.

Was natürlich auch ein wichtiges Thema ist.

Überhaupt scheint schon in zwei Wochen Unterbrechung die Demokratie ins Wanken zu kommen…bedenklich, wenn das wahr wäre.

Wie immer kommt es auch darauf an, was wir aus dem Vorfindlichen machen, wie wir die geschenkte oder überflüssige Zeit gestalten. Den geschenkten Überfluss.

Und wie wir darin unsere Gedanken disziplinieren.

Wie wäre es, wenn wir die Zeit nutzten und aufschrieben, was uns in dieser Zeit durch die Stunden trägt? Wir könnten einige Texte im Gemeindebrief veröffentlichen. Wir könnten eine Sammlung für Notzeiten anlegen.

Die Wichern-Radeland-Notfall-Wortapotheke.

Auch für Krisen außerhalb des Coronabereichs geeignet. Das wäre geradezu ein Zeitzeugendokument der besten Art.

Ich würde Sie gerne überreden, mir (oder dem Gemeindebüro) solcherart Texte zur Verfügung zu stellen. Es würde den Blick weiten, mitten hinein in die Herzen der Häuser.

Wir sind viel standfester als die Zeitungen behaupten.

Es beweist sich gerade.

Du musst das Leben nicht verstehen,

dann wird es werden wie ein Fest.

Und lass dir jeden Tag geschehen

So wie ein Kind im Weitergehen

Von jedem Wehen

Sich Blüten schenken lässt.

Sie aufzusammeln und zu sparen,

das kommt dem Kind nicht in den Sinn.

Es löst sie leise aus den Haaren

Drin sie so gern gefangen waren,

und hält den lieben, jungen Jahren

nach neuen seine Hände hin.

(Rainer Maria Rilke)

Bleiben Sie behütet, Ihre Pfarrerin Sigrid Jahr

 

25.03.2020

Was nun?
Wenn alle Fenster geputzt sind (oder sein werden), wenn das Aufgeschobene erledigt, alles aufgeräumt ist? Wenn Arztbesuche, Kultur und Cafébesuche ausfallen? Wenn wir keine Kinder haben und nicht zu den „relevanten“ Personen gehören? Wenn wir also ganz und gar nutzlos sind? Und es nichts gibt, was uns von dieser Tatsache ablenken könnte? Wenn das Leben im Außerhalb zusammenfällt und wir nur so dastehen, uns ansehen und uns fragen, wozu wir Luft verbrauchen?

Dann ist das genau der Blick, den Gott auf uns hat. Den interessiert unser Vielerlei ja nicht so sehr, wie wir wissen. Er hat uns geschaffen, ganz aus lauter Freude. Wie die Lilien auf dem Feld, wie es im Matthäusevangelium steht. Haben Sie schon mal eine Feldlilie gesehen? Ich nicht, aber ich kann mir vorstellen, dass sie sehr schön ist. So mitten unter anderen – aber das ist ja auch schon wieder ein Lilienvorteil. Wir sind ja eher alleine und vielleicht finden wir uns auch nicht so schön.

Also gibt es eine neue Übung für diese Zeit: Uns mal schönzusehen. Von Gottes Perspektive aus. Immerhin hat er sich Mühe gegeben mit uns: Hände und Füße, Augen, Ohren und unsere Stimme. Dazu die Innereien und die Schutzhaut drumherum. Ganz wunderbar.

Und wir können durch die Welt spazieren und bewundern, was es noch so gibt zwischen Himmel und Erde. Staunen und Danken. Macht ja sonst keiner.
Und sich genug sein lassen an den Gottesgaben.

Zur Hilfe, können wir Hüsch lesen:

Wir alle sind in Gottes Hand
Ein jeder Mensch in jedem Land
Wir kommen und wir gehen
Wir singen und wir grüßen
Wir weinen und wir lachen
Wir beten und wir büßen
Gott will uns fröhlich machen
Wir alle haben unsre Zeit
Gott hält die Sanduhr stets bereit.

Wir alle bleiben Gottes Kind
Auch wenn wir schon erwachsen sind
Wir werden immer kleiner
Bis wir am Ende wissen
Vom Mund bis zu den Zehen
Wenn wir gen Himmel müssen
Gott will uns heiter sehen.

(Hanns Dieter Hüsch: Choral in „Wir sehen uns wieder“, 1997)

Bleiben Sie behütet!
Ihre Pfarrerin Sigrid Jahr

 

24.03.2020

Auch eine Idee:
Ein Konfirmandinnenvater schickte mir seinen Konfirmationsspruch: „Er hat uns gemacht, und nicht wir selbst, zu seinem Volk und zu Schafen seiner Weide.“ (Psalm 100,3). Da kann ich ja auch mal drüber nachdenken…

Wir Neuzeitlichen hören die Psalmworte ja meistens mit einer doppelten Frage: Ist das nicht ein bisschen übergriffig von Gott? Wo bleibt denn da die Willensfreiheit? Und: Was ist denn mit den anderen?

Zur Zeit des Psalmbeters gab es allerdings ein anderes Hören. Christen und Moslems gab es ja noch nicht. Die Vielgötterei der Griechen und Römer hatte sich ausgeglaubt. Von fernöstlicher Spiritualität hatte noch niemand etwas gehört. Aber es gab den Gottkaiserkult. Der Kaiser erhob Anspruch auf Leib und Leben der Menschen, auf Gebete und Tempel, Opfer und Huldigung. Er entschied über Leben und Tod, Sklaverei oder Gefolgepracht.

Und schon liest sich unser Psalm ganz anders. Auf einmal hören wir Widerstandsworte. Die Gottesherrschaft tritt in Konkurrenz mit aller Geistesvereinnahmung. Wir gehören Gott, so war das Bekenntnis – und haben es noch nicht einmal selbst entschieden. Gott allein entscheidet über unser Leben, unser Sterben, unseren Weg, unser Ziel.
Auch über unsere Angst.
Die Juden haben damals den Kaiserkult verweigert. Und weil sie standhaft blieben trotz aller Verfolgung gab es dann irgendwann als Sonderrecht die Befreiung von der Personenanbetung (was ihnen später dann wieder von anderen übel genommen wurde).

Und wir? Wer herrscht über unsere Angst? Ein Virus?
Könnten wir das auch lassen?

Es bleibt ein Jubel im 100. Psalm: Versiegelt sind wir. Eigentum unseres Gottes, was auch immer geschehen mag:

Jubelt dem Ewigen zu, ihr Bewohner der Erde!
Stellt euch freudig in seinen Dienst!
Kommt zu ihm mit lautem Jauchzen!
Denkt daran: Der Herr allein ist Gott!
Er hat uns geschaffen, und nicht wir selbst, ihm gehören wir.
Sein Volk sind wir, für das er sorgt,
wie ein Hirte für seine Herde.
Geht durch die Tempeltore ein mit einem Danklied,
betretet den Festplatz mit Lobgesang.
Preist ihn, dankt ihm für seine Taten!
Der Gott ist gut zu uns,
seine Liebe hört niemals auf,
für alle Zeiten bleibt er uns treu.

(Psalm 100, Gute Nachricht Übersetzung)

Bleiben Sie behütet!
Ihre Pfarrerin Sigrid Jahr

 

23.03.2020

Wenn die Zeit stillsteht, fallen mir alte Geschichten ein, die mich dann und wann durch die Zeit getragen haben. Zum Beispiel diese:

Vom Gründer des Benediktinerordens wird erzählt, dass er auf jede Frage eine Antwort wusste.

Die Mönche kamen oft zu ihm. Warum, fragten sie, schleicht die Pest durch unser Land? Warum gibt es Kriege und so viel Unverstand? Warum sind so viele Arme unter uns und so wenig Reiche? Warum gibt es immer wieder Streit sogar unter den Brüdern des Klosters? Und was hält Gott von meinen Zweifeln?

Der Abt, so sagt man, hörte sich die Klagen sehr geduldig und sehr liebevoll an. Und immer gab er den gleichen Rat: Geh in deine Klosterzelle. Da findest du die Antwort.

Und was war denn in der Klosterzelle?

Eine Schlafmatte, ein Kreuz, wenn es gut ging eine Kniebank. Die Bibeltexte, die auswendig gelernt worden waren (Bücher waren natürlich unerschwinglich zu damaliger Zeit).

Der Mensch. Und Gott. Ein Schweigen. Eine Anwesenheit.

„Und wenn du dein flüchtiges Herz immer wieder neu zurückbringst vor die Anwesenheit deines Gottes, so hast du das Leben erfüllt“.

Unsere Passionszeit ist immer eine Übung, Gott im Alltag Raum zu verschaffen. In diesem Jahr ist es wie eine Klosterzeit, wie Exerzitien, wie Einkehrtage für die Seele.

Wir legen unserem Gott unsere Fragen vor und warten auf seine Antwort.

Oder wir nehmen uns einen Text vor und lesen ihn wieder und wieder, jeden Tag eine halbe Stunde. (Das wussten Sie schon und haben sich gefragt, wo die Zeit denn herkommen soll. Jetzt ist sie geschenkt).

Den Anfang des Johannesevangeliums vielleicht (gut zum Auswendiglernen).

Oder Sie lesen mit mir die Texte, die uns Geistlichen BegleiterInnen vorgeschlagen werden. In dieser Woche ist das ein Text aus dem 1. Tessalonicher 5, 16-25

Seid allezeit fröhlich.

Betet ohne Unterlass.

Seid dankbar in allen Dingen, denn das ist der Wille Gottes in Jesus Christus an euch.

Haltet den Geist nicht auf.

Verachtet nicht die prophetische Rede.

Prüft alles, und das Gute behaltet.

Meidet das Böse in jeder Gestalt.

Er aber, der Gott des Friedens, heilige euch, durch und durch und bewahre euren Geist samt Seele und Leib unversehrt, untadelig für die Ankunft unseres Herrn Jesus Christus.

Treu ist er, der euch ruft; er wird´s auch tun.

Liebe Schwestern und Brüder, betet auch für uns.

Wir bleiben verbunden!

Seien Sie behütet,

Ihre Pfarrerin Sigrid Jahr

 

22.03.2020

Liebe Gemeinde,

das habe ich nun davon, dass ich einen lieben Gruß geschrieben habe. Schon wurde ich gebeten, diesen als „Gute Worte“ für Sie alle zur Verfügung zu stellen. Persönliche Worte sind natürlich persönlich, aber ein wenig persönlich möchte ich schon werden. Gern werde ich diesem Wunsch daher nachkommen.

Was ist das für eine verrückte Zeit? Keine Freundinnen und Freunde einladen, nicht zu Besuch gehen, kein gemütliches abendliches Essen gehen, Gruppen finden nicht statt, nicht einmal Gottesdienste dürfen gefeiert werden, keine Shoppingtour mit Freundinnen…Prüfungen werden verschoben, Unterricht fällt aus, Kitas haben geschlossen, plötzlich Familie – quasi rund um die Uhr. Das was wir uns oft gewünscht haben - mehr Zeit – wird zur Last. Jetzt, wo man doch gerade Zeit für Begegnungen hätte, wird dazu aufgerufen, soziale Kontakte zu vermeiden!

Und genau dagegen stelle ich mich! Jetzt gerade schon, ja, denn in diesem Moment, wo Sie meine Worte lesen, stehen wir ja in einem sozialen Kontakt. Und wissen Sie was, das geht ganz hervorragend, auch ohne dass wir in einen physischen Kontakt miteinander treten!

Und das hat auch gestern Abend wunderbar funktioniert! Gestern, als wir den verschiedenen Aufrufen folgten und vor die Tür traten. Dort stand ein befreundetes Ehepaar, das ebenso wie wir erst einmal von Herzen applaudiert hat – für die vielen Menschen, die rund um die Uhr für uns sorgen, die keine Möglichkeit haben, sich zurückzuziehen und körperliche Kontakte zu meiden, die uns mit Nahrungsmitteln, Medikamenten und – zum Glück – Klopapier versorgen. Die Menschen heilen, die Schmerzen lindern und die mit guten Worten vor Ort sind. Die uns unermüdlich beliefern, uns mit aktuellen Informationen versorgen und dafür sorgen, dass die, die den Ernst der Lage noch immer nicht verstanden haben, sich an die Einhaltung der Verbote halten.
Und dann sind wir dem Aufruf der evangelischen Kirche gefolgt. Täglich um 19.00 Uhr wollen wir „Der Mond ist aufgegangen“ singen. Margot Käßmann hat dazu eine Videobotschaft veröffentlicht. Schauen Sie sich diese gern einmal an und schließen Sie sich an. Sagen Sie es weiter, vielleicht haben wir dann bald einen klingenden „Balkonchor“, der im Gesang oder auch mit Instrumenten an die „kranken Nachbarn“ denkt. Unsere Nachbarn haben sich spontan angeschlossen und so haben wir in gebührendem Abstand zu sechst miteinander gesungen. Dit war scheen!

Ich wünsche Ihnen allen, dass Sie unbeschadet an Körper und Seele durch diese Zeit kommen und unterlassen Sie bitte alles, aber nicht Ihre sozialen Kontakte!
Bringen Sie das Internet und die Telefonleitungen zum Glühen, plaudern Sie , fragen Sie nach, pflegen Sie Kontakte! Schreiben Sie Mails, Textnachrichten und Karten oder Briefe.
Ist Ihnen nach einem Gespräch? Dann warten Sie nicht, ob jemand wohl an Sie denkt, sondern greifen Sie zum Hörer und erfreuen andere mit Ihrem Anruf! Gemeinsam und nicht einsam, so werden wir diese Zeit überstehen!

Bleiben Sie im warmen Segen Gottes und voller Vorfreude auf hoffentlich baldige persönliche Begegnungen,
Ihre Sonja Martin

 

20.03.2020

Die Angst geht um und nistet sich in uns ein. Vor Versorgungsmangel und Isolation. Vor dem Nächsten, der Virenträger sein könnte, oder dass ich es selbst herumtrage. Vor den Verwerfungen, die vielleicht bleiben, wenn das Virus schon heilbar ist. Die unterschiedliche Einschätzung der Anderen, das inakzeptable Verhalten, die Sozialkontrolle, die Ursachenphantasien und Verschwörungstheorien. Und was noch kommen könnte. Der Geschwisterstreit um die Eltern und wie sie versorgt werden sollen, Isolationssterben oder Virentod. Das Abschotten der Grenzen und was das heißt für zukünftige Wirtschaftsbeziehungen. Was jetzt alles zerstört wird und im „Danach“ nicht mehr wieder aufbaubar ist….

Das Kräuseln der Gedanken.

Und ein Gegenentwurf:

Der Bischof lädt uns ein zum täglichen Innenhalten beim mittäglichen Glockenläuten (das war mal selbstverständlich), ein Fürbittgebet, ein Vater Unser, ein Segen. Das Angebot der Zeitgleich-Gottesdienste. Ein Liedersingen von den Balkonen. Kerzen in den Fenstern. Der Applaus für die, die das Notwendige aufrechterhalten.

Unsere Wohnungen werden zu Gebetsstätten. Wir nutzen die diesjährige Fastenzeit als Rückbesinnung auf das, was uns trägt. Stundengebete nicht nur um zwölf Uhr mittags.

Wir schließen die goldglänzende Segenskuppel über dem Land. Nein, noch anders, wir legen ein Gebetsfädennetz über unsere kleine verletzliche Erdkugel. So zart, wie wir sonst nur das neugeborene Leben bergen. Es wird eine Auferstehung der Seele sein, ein neues, heilsames Fromm-werden. Der Ausstieg aus dem Karussell des Profanen.

Wir können uns entscheiden. In jedem Gespräch, in jedem Gedanken.

Wir können unser aufgescheuchtes Herz immer wieder ganz sanft zurückholen in die Gegenwart unseres Gottes. Vieltausendmal am Tag. Und nicht müde werden dabei.

Bleiben Sie behütet! Ihre Pfarrerin Sigrid Jahr

 

19.03.2020

Schreib doch wenigstens gute Worte in die Welt, wenn du schon nicht predigen darfst…sagt meine GKR Schwester…gute Worte gegen Viren (gWgV).

Ein ungleicher Kampf, sollte man meinen. Allerdings scheint Gott auch nicht sehr viel mehr anzubieten als diese heilsamen Worte von Gebeten und Segen, Geschichten und Ermutigungen. Und irgendwas muss ja die Welt zusammenhalten.

Und schon springt die Frage mich an: Wie kann Gott das zulassen? Was denkt der sich eigentlich? Wohin soll das führen? Hatte er nicht Bewahrung versprochen?

Zugegeben, die meisten reden nicht so. Vielleicht, weil sie sowieso nichts mehr von Gott erwarten. Oder sich schon abgefunden haben mit dem Unverstehbaren?

Was sagt Gott denn zu allem Leid und Kriegsgeschrei, zu Flucht und Krankheit, Katastrophen und Seuchen? Immer dasselbe kleine Wort: Ich bin da.

Und wie weiter? Ändert das was?

Für manche scheinbar schon. Denken wir nur an Paul-Gerhardt. Die schönsten Lieder sind in schlimmsten Pestzeiten geschrieben. Als gäbe es eben nichts anderes, als sich an diesen Gott zu halten. Wichtiger noch als das eigene Leben.

Ich kann das kaum nachvollziehen. Aber ich kann mich einsingen, mich annähern mit Tönen und Worten aus dem Jahr 1666:

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Die güldne Sonne voll Freud und Wonne,

bringt unsern Grenzen mit ihrem Glänzen

ein herzerquickendes, liebliches Licht.

Mein Haupt und Glieder, die lagen darnieder.

Aber nun steh ich, bin munter und fröhlich,

schaue den Himmel mit meinem Gesicht.

 

Willst du mir geben, womit mein Leben

Ich kann ernähren, so lass mich hören

Allzeit im Herzen dies heilige Wort:

„Gott ist das Größte, das Schönste und Beste,

Gott ist das Süßte und Allergewisste,

aus allen Schätzen der edelste Hort“.

 

Willst du mich kränken, mit Galle mich tränken,

und soll von Plagen ich auch etwas tragen,

wohlan, so mach es, wie dir es beliebt.

Was gut und tüchtig, was schädlich und nichtig

meinem Gebeine, das weißt du alleine,

hast niemals keinen zu sehr noch betrübt.

 

Kreuz und Elende, das nimmt ein Ende,

nach Meeresbrausen und Windessausen

leuchtet der Sonne gewünschtes Gesicht.

Freude in Fülle und selige Stille

wird mich erwarten im himmlischen Garten;

dahin sind meine Gedanken gericht.

 

Paul Gerhardt (EG 449,1+10-12)

Bleiben Sie behütet! Ihre Pfarrerin Sigrid Jahr

[ Mtn, 18.03.2020 ]
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